Endlich: Weltformel entdeckt – wieder einmal

Es hallt ein neuer Schlachtruf durch die linksliberalen Feuilletons des Westens: r > g.

Dahinter steht der empirische Befund, dass in der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte die Kapitalrendite (r) das Wirtschaftswachstum (g für growth) übertraf und daraus zwingend eine immer stärkere Akkumulation des Kapitals bei wenigen Wohlhabenden auf Kosten vieler Habenichtse folge – mit entsprechenden „Kollateralschäden“ für Demokratie, Rechtsstaat und sozialen Frieden.

Zu verdanken ist diese Erkenntnis dem „Rockstar-Ökonomen“ (FAZ vom 10. Mai) Thomas Piketty, Wirtschaftsprofessor in Paris und der Sozialistischen Partei nahestehend. Zugrunde liegen seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ umfangreiche historische Datenanalysen – allerdings dürfte die allermeisten Leser und Kommentatoren weniger die historische, sondern die brandaktuelle Perspektive interessieren. Piketty liefert somit eine Theorie zur Erklärung zunehmender Ungleichheit und Kapitalismuskritik mit scheinbar naturgesetzlichem Rückhalt. All jene, die es schon immer geahnt haben, dass der Kapitalismus – und die bewusst jedoch zu unrecht synonym verwendete Marktwirtschaft – zutiefst böse und ungerecht seien, fühlen sich bestätigt.

Nicht umsonst blieb die Rezeption von Pikettys Buchs im Entstehungsland unspektakulär während nach Veröffentlichung der englischen Übersetzung die Wellen in den USA besonders hoch schlagen.

Zugespitzt könnte man sagen, dass Piketty dem europäischen „juste milieu“ die passenden Zahlenkolonnen zum ohnehin zementierten „common sense“ der Mainstream-Intellektuellen liefert.

In den USA jedoch, dem Land der vorgebliche unbegrenzten Möglichkeiten, gehört zumindest die Möglichkeit eines Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär geradezu zur gesamtgesellschaftlichen DNA. Die vergleichsweise unsoziale Gesellschaft wird durch die Chance, durch harte Arbeit aufzusteigen, ungemein stabilisiert. Fiele diese Chance weg, und das ist genau eine Folgerung aus Pikettys Thesen, geriete die Gesellschaft schnell aus den Fugen.

Und da derzeit annähernd 50 Mio. US-Amerikanern auf Lebensmittelmarken angewiesen sind, die Rettungsmaßnahmen Wall Street die Taschen füllen, aber nicht Main Street, und das Feindbild des „1 percent“ der Topverdiener den Wahlkampf der midterm elections mitbestimmen werden, ist die Virulenz ungleich höher.

Schon allein aus Unkenntnis des Buches kann und will ich mir kein abschließendes Urteil erlauben, aber wenn der Kapitalismus aufgrund dieses eingebauten „Gendefekts“ im Grunde nur Ungleichheit und letztlich Schuldsklaverei für viele Menschen bedeutete, wie ist dann der gigantische Sprung im Lebensstandard für Milliarden Menschen zu erklären? Und selbst wenn die Ungleichheit in den letzten 200 Jahren oder seit Ende des anciene regimes zugenommen haben sollte, wer wollte ernsthaft mit den Menschen dieser Zeit tauschen?

Nein, auch wenn absolute Redlichkeit bei der Analyse und korrekten Daten unterstellen: Die Relevanz dieses Buchs speist sich beinah ausschließlich aus der dadurch losgetretenen Diskussion. Daher sind auch nicht die Elogen der Feuilletons interessant, sondern vielmehr die Kritik in den Wirtschaftsteilen (z.B. von Hans-Werner Sinn), aber vor allem die absehbaren politischen Implikationen.

Pikettys Lösungsansätze erschöpfen sich nämlich in Ladenhütern staatlicher Umverteilungspropaganda, wie etwa einer bis zu 75%igen Einkommensteuer und Erbschaftsteuern.

Dabei ist es gerade der Sozialstaat westeuropäischer Prägung, der die Bedeutung und positive Realrendite des Kapitals zementiert. In Phasen wirtschaftlicher Kontraktion würde nämlich der Kapitalbedarf privater Haushalte und Unternehmen drastisch zurückgehen, die Zinssätze ergo fallen und mitunter sogar real negativ. Dank Keynes als Steigbügelhalter aller interventionistisch veranlagten Politiker (also heutzutage aller Politiker) muss dann natürlich der Staat als Nachfrager einspringen. Und das geht aufgrund rückläufiger Steuereinnahmen in der Rezession nur durch zusätzliche Verschuldung, die wiederum eine Verzinsung des Kapitals sicherstellt und dazu noch durch den denkbar stabilsten Schuldner. Schumpeters Satz gilt heute mehr denn je: „Eher legt sich ein Hund einen Wurstvorrat an als eine demokratische Regierung eine Budgetreserve.“

Gleichzeitig wird der Staat ebenso selbstverständlich und über alle Parteigrenzen und Regierungskoalitionen hinweg stets seine Einnahmen aus Steuern und Gebühren steigern wollen.

Wo oder besser bei wem kann das gelingen?

Die da oben zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Kapital oft mobil ist und sie sich die denkbar beste Beratung in Sachen legaler (sic) Steuervermeidung angedeihen lassen können.

Wir hier unten haben viele dieser Möglichkeiten nicht. Arbeiter und Angestellte mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen und kleine Selbstständige sind auf ewig die Melkkühe des Staates und sie müssen sowohl die Wohltaten für Rentner, Sozialhilfe- und sonstige Transferempfänger bezahlen als auch die Steuervermeidung der internationalen Konzerne und Reichen kompensieren.

Die permanente Ausdehnung der Staatsverschuldung und des Staatsinterventionismus, ist somit ein Garant für den von Piketty inkriminierten Mechanismus und nicht etwa ein Gegenmittel.

Im Wirtschaftsteil kann man dergleichen lesen – im Feuilleton nicht!?

Andreas Lichert

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