Offener Brief von Wolfgang Hübner an den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Dr. Dieter Graumann

Offener Brief von Wolfgang Hübner an den Vorsitzenden des  Zentralrats der Juden und Frankfurter Bürger Dr. Dieter Graumann

Frankfurt/Main, 17. Juli 2014

Sehr geehrter Herr Dr. Graumann,

es ist nur allzu verständlich, dass Sie empört und schockiert über das Geschehen am Samstag in Frankfurt sind. Empört über einen unzureichenden und grob fehlerhaften Polizeieinsatz, schockiert  darüber, „dass es so viel Hass und Hetze auf deutschen Straßen gibt“, wie Sie es gegenüber einer Zeitung formuliert haben. Es ist nicht nur für Sie, sondern auch für die Stadt Frankfurt ein einschneidendes Ereignis der Zeit nach 1945, wenn im Rahmen einer Demonstration von fast ausschließlich in unserem Land und unserer Stadt aufgewachsenen und dort auch sozialisierten jungen Männern und Frauen juden- und israelfeindliche Parolen auf Plakaten gezeigt und gerufen werden.

Allerdings: Es waren nicht Rechtsextremisten und unbelehrbaren altdeutsche Antisemiten, die das taten. Es waren also nicht diejenigen, vor denen gerade Sie immer wieder warnen – und das ja leider nicht ohne Grund und aus verständlichen Motiven.  Allerdings bin ich gewiss nicht allein schon länger der Auffassung, dass Sie sowie andere Repräsentanten der Juden in Deutschland die Gefahr eines Wiederauflebens des „traditionellen“ Antisemitismus hierzulande ebenso überschätzen wie Sie bislang unterschätzen, dass eine neue, viel größere und vor allem wesentlich zukunftsvollere Gefahr kleingeredet oder sogar totgeschwiegen wird – nämlich die neue Judenfeindlichkeit als Folge der massiven Einwanderung aus dem islamisch dominierten Kulturkreis.

Selbstverständlich sind nicht alle, noch nicht einmal die Mehrheit, jedoch eine zahlenmäßig schwer einzuschätzende Minderheit der hier lebenden Moslems bekennende Judenhasser. Alles andere als das wäre ja auch furchtbar für jüdische und nichtjüdische Deutsche gleichermaßen. Aber in Kenntnis vieler bedenklicher Vorkommnisse der letzten Jahre und Wochen in der „Vielfalt“-Metropole Frankfurt, in etlichen anderen  deutschen Städten und auch im Wissen um die dramatische Entwicklung im Nachbarland Frankreich kann doch niemand länger die Tendenz  einer sich in bestimmten Bevölkerungsgruppen ausbreitenden neuen Judenfeindlichkeit mit erheblicher Ansteckungsgefahr leugnen. Ihr Schock darüber, „dass es so viel Hass und Hetze auf deutschen Straßen gibt“, verrät eine nicht so recht verständliche Unkenntnis über eine Entwicklung, die keineswegs einem Naturereignis gleich über uns kam, sondern nur das vorläufige Resultat einer unheilvollen  Entwicklung ist.

Denn ist nicht das Wort „Jude“ an manchen Frankfurter Schulen und in bestimmten Kreisen von Jugendlichen schon längst ein bösartiges  Schimpfwort? Gab es nicht den Angriff auf den Rabbiner im benachbarten Offenbach? Ist nicht das Flughafen-Attentat eines jungen Islamisten mit zwei toten und einem lebenslang körperlich und mental hochversehrten US-Soldaten geschehen? Gab es keine judenfeindlichen Zwischenfälle mit Migrantennachkommen an Gedenkstätten unserer Stadt? Sind die islamistischen Provokationen in Jugendhäusern und die Attacke auf ein Kunstwerk im Portikus so schnell schon wieder vergessen? Und was ist mit den Auftritten von Hetzern wie Pierre Vogel, der wachsenden Zahl des Anhangs von Salafisten, den Koranverteilungen auf der Zeil? Sind das keine Warnzeichen, die viel mehr Beachtung und entsprechende Konsequenzen verdient gehabt hätten als es tatsächlich der Fall war und ist?

Beantworten Sie sich bitte selbst die Frage, ob Sie und andere Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt vor lauter Fixierung auf den „traditionellen“ Antisemitismus und der Angst vor einer Rückkehr deutschen Unheils nicht allzu sehr die Augen verschlossen haben vor dem , was nun „so viel Hass und Hetze“ auf Frankfurter Straßen erzeugt hat und mit großer Sicherheit weiter zeugen wird? Ich will sie wahrlich nicht darüber belehren, was die künftige Gefahr für die Juden in Frankfurt und Deutschland ist bzw. schon ist. Aber als nachgeborener, familiär nicht belasteter nichtjüdischer Frankfurter und Deutscher, der die richtigen Lehren aus der Geschichte unseres Volkes gezogen zu haben glaubt, rate ich Ihnen, der Sie auch ein Nachgeborener sind, sich den Realitäten zu stellen, bevor es wieder einmal sehr spät oder gar zu spät ist.

Die Ereignisse am letzten Samstag in der Frankfurter Innenstadt am 12. Juli 2014 waren ein Menetekel – für jüdische wie auch nichtjüdische Frankfurter gleichermaßen. Wir sind uns sicher einig, dass die Politik und das Handeln des Staates Israel kritisiert werden kann, auch mit friedlichen Demonstrationen. Aber Judenhass dürfen wir offen und öffentlich in unserer Stadt und unserem in diesen Tagen so glücklichen Land nicht dulden. Dazu bedarf es aber auch klarer, unzweideutiger Äußerungen von Ihnen, der Sie Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sind: Die Täter und ihre Motive müssen benannt werden.

Nur wenn das geschieht, können wir uns alle langfristig gegen weitere Eskalationen schützen. Ihnen  als wortmächtiger, viel beachteter Repräsentant der jüdischen Deutschen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Die Entwicklung der Bevölkerung und Gesellschaft in Frankfurt macht es dringend erforderlich, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Ich kann weder mit ideologischen Konstruktionen wie kollektiver Schuld noch mit kollektiver Sühne etwas anfangen. Deswegen hatte  ich mit manchen Ihrer Äußerungen in der Vergangenheit meine Schwierigkeiten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch eine individuelle Verantwortung für das hat, was er tut und auch mittut. Und eine besondere Verantwortung haben Repräsentanten politischer, religiöser und gesellschaftlicher Gruppen.

Sie sind als Vorsitzender des Zentralrats und angesehener Frankfurter Bürger ungleich einflussreicher als ich es als Vorsitzender einer kleinen Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung sein kann, der schon lange vor einer Entwicklung warnt, die nun außer Kontrolle gerät. Nehmen Sie diesen Einfluss zum Nutzen der deutschen Juden, aber auch zum Nutzen unserer Stadt wahr, um die Ursachen des Menetekels vom Samstag zu benennen. Zu diesen Ursachen zählt gewiss auch eine falsche Polizeistrategie. Doch wesentlich wichtiger sind politisch zu verantwortende fehlende Grenzsetzungen und die faktische Aufgabe von Integrationsverpflichtungen. Grenzsetzungen und Verpflichtungen können Ausschreitungen und Hetze vielleicht nicht völlig verhindern, wohl aber  minimieren oder zu einem erheblichen Risiko machen .

Und eines sollten Sie auch klarstellen: Wer Krieg und Gewalt im Nahen Osten mit welcher Motivation auch immer in unsere Städte und unsere Gesellschaft tragen will, der muss mit allen Mitteln gestoppt werden. Sie, sehr geehrter Herr Graumann, waren in der Vergangenheit selten verlegen um Formulierungen, wenn es galt, deutsche Schuld und die Unausrottbarkeit des „traditionellen“ Antisemitismus anzuprangern. Nun aber gilt es, Wurzeln und Täter des neuen Judenhasses zu benennen, mit dem nicht selten übrigens auch eine unverhohlene Christen- und Deutschenverachtung korrespondiert. Jüdische Deutsche und nichtjüdische Deutsche sitzen im Hinblick auf das Menetekel vom Samstag nicht in verschiedenen, sondern in einem Boot. Wir dürfen es gemeinsam nicht in Schieflage bringen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Hübner (Stadtverordneter)

3 Gedanken zu „Offener Brief von Wolfgang Hübner an den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Dr. Dieter Graumann“

  1. Danke für den dringend nötigen Brief! Alle Dinge sind unpolemisch aber deutlich angesprochen! Mal schauen, ob und welche Reaktion vom Zentralrat kommt!

  2. Das Schweigen der Lämmer …
    Danke für die deutlichen Worte, Herr Hübner, wie immer auf den Punkt! Die bisherige Schweigen des Zentralrats erscheint auch mir unverständlich. Ebenso wie das ewiggestrige Eifern des Herrn Friedman gegen jeden, der sich ´rechts´ vom links-liberalen Mainstream positioniert.
    Während in Frankreich die ersten Synagogen überfallen werden und die linke Jugend in NRW Seite an Seite mit gegen Israel hetzenden Islamisten demonstriert, für die die Palästina-Frage nur ein Vehikel für eine Machtdemonstration gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ist.
    Juden sollten gemeinsam mit Christen ihre Stimme erheben und auf die Straße gehen:
    – Gegen die Gefahren durch den Islamismus
    – für ein Verbot salafistischer Vereinigungen
    – Und gegen das Abschlachten von Christen in islamisch dominierten Staaten!

    1. Hervorragend formuliert! Besser hätte ich es auch nicht in Worte fassen können!
      DANKE für diesen Kommentar!

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