Keine Bewegung ohne Turbulenzen!

Zu den Vorgängen bei PEGIDA in Dresden

Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, nichts Näheres über die menschlichen und politischen Hintergründe des Konflikts im Orga-Team von PEGIDA in Dresden zu wissen. Denn die Kenntnis von allzu vielen Details darüber, wer gegen wen und warum und wieso, versperren nur den freien Blick darauf, dass aus einer lokalen, kleinen Initiative eine Bewegung geworden ist, die binnen weniger Wochen mehr Klarheit über den inneren Zustand Deutschlands und seines Machtblocks gebracht hat als unzählige kluge sowie auch weniger kluge Texte und Analysen zusammen.  Unabhängig von der weiteren Entwicklung in Dresden und anderswo ist das ein nicht zu überschätzender, geradezu historischer Verdienst.

Allein die Tatsache, dass heute alle Medien über den Konflikt in großer Aufmachung  berichten, ist Beweis genug, welchen Schrecken die neue Volksbewegung dem Machtblock eingejagt hat. PEGIDA würde niemals diese Bedeutung beigemessen, wenn den etablierten Mächten nicht sehr klar wäre, dass hinter jedem aktiven Teilnehmer an den Kundgebungen und Spaziergängen tausende Bürgerinnen und Bürger ständen, die mit den Anliegen der Bewegung sympathisieren, aber den Schritt auf die Straße, den damit verbundenen Bekennermut und die durchaus bedrohlichen Risiken bei der Praktizierung von Grundrechten scheuen.

Eine Bewegung ist ein quicklebendiges, sich ständig veränderndes  Gebilde. In dieser Bewegung bilden sich auch mit der Zeit und unter dem Druck der Ereignisse bestimmte Führungspersonen und Identifikationsfiguren heraus. Doch sind das dann selten jene, die in der Frühzeit namentlich bekannt wurden. Es ist deshalb alles andere als verwunderlich, dass nun im Stahlbad der Angriffe, Herausforderungen und Belastungen Konflikte in einer Gruppe aufbrechen, die nie und nimmer mit dem rechnen konnte, was ihre Initiative ausgelöst hat.

Leider wurde auch in Dresden der Fehler gemacht, den vielen Rufen nach schnellem Export von PEGIDA allzu sehr Folge zu leisten. Aber was in Dresden möglich und real ist, ist es eben nicht anderswo. Eine Volksbewegung, die diesen Namen verdient, muss viele und durchaus sehr heterogene Erscheinungs- und Aktionsformen entwickeln. Diejenigen, die jetzt in den verschiedensten Diskussionsformen bereits alles am Zusammenbrechen wähnen, haben deshalb vom Wesen einer Volksbewegung, das ganz anderer Art als das Wesen einer politischen Partei ist, wenig begriffen.

Was derzeit geschieht, sind ganz offensichtlich Wachstumsprobleme. Mit diesem Wachstum ging es, was gewiss kein Unglück ist, einfach zu schnell für diejenigen,  die den Impuls dazu gaben. Doch deshalb wird die Bewegung keineswegs verschwinden, denn sie erwächst ja aus Problemen und Zuständen, die weiterhin allen Anlass dazu geben, keine Ruhe zu geben – dafür werden nun auch noch schon die stolzen Griechen sorgen. Es sei deswegen dringend angeraten, jetzt nicht in Resignation und „Das musste ja so kommen“-Fatalismus zu verfallen, sondern zu akzeptieren: Keine Bewegung ohne Turbulenzen. Es werden übrigens garantiert nicht die letzten gewesen sein!

Wolfgang Hübner

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