Verachtung und Angst – Feindbild Ossi

Gastbeitrag von Holger Arppe

SPD-Chef Sigmar Gabriel beschimpft die sächsischen Insurgenten als „Pack“, das man wegsperren müsse und offenbart damit eine innere Nähe zu Erich Mielke, der sich im Kreise seiner Paladine gerne ähnlich deftig zu äußern pflegte, wenn das Volk nicht so wollte wie die Partei es erwartete („Alle an die Wand stellen!“). Bundespräsident Joachim Gauck hingegen raunt in nachgerade manichäischer Diktion von einem „Dunkeldeutschland“ (der Osten), dem ein Reich des Lichts (der Westen) entgegenzustellen sei und reiht sich – als Ex-Pfarrer wenig verwunderlich – mit solchen Sätzen also irgendwo zwischen George W. Bush („Achse des Bösen“) und Mahmud Ahmadinedschad („Ein Licht umgab mich…“) ein, die ihre Politik hin und wieder nach den Koordinaten eines kruden Endzeitdenkens auszurichten versucht waren. Dann ist da noch Heiko Maaß in seiner Rolle als Justizminister, dessen latent totalitäre Geisteshaltung momentan durch die Forderung nach mehr Zensur im Internet zum Ausdruck kommt, der aber auch schon in den friedlichen Pegida-Demonstranten in Dresden (Dunkeldeutschland) eine „Schande für die Bundesrepublik“ zu erkennen glaubte. Alles das offenbart uns eine Menge über jene Personen, die derzeit unsere Nation führen und somit repräsentieren. Es sind dies Eigenschaften, welche zu allen Zeiten zu den unverkennbaren Charakteristika der meisten Machthaber aber auch vieler ihrer ideologischen Vordenker gehört haben.

1. Verachtung für das Volk

Je ostentativer die vorgebliche Zuneigung zum Volk, zum „kleinen Mann“, zu den Werktätigen oder zu Flüchtlingen bzw. Asylanten von einem (linken) Politiker der Theorie oder der Tat zur Schau gestellt und als alleiniges Motiv seines (aufopferungsvollen) Handelns deklamiert wird, desto weniger ist dies tatsächlich die treibende Kraft hinter demselben. Er oder sie ist, vor allem wenn die Verwirklichung höherer Visionen im Spiel ist, aus dem Bewusstsein der eigenen (intellektuellen) Überlegenheit heraus vielmehr von einer tiefen Verachtung für die Allgemeinheit erfüllt. Der linke Politiker, und das sind eigentlich alle, die in Deutschland zur Zeit etwas zu sagen haben, sieht sich als Sozialingenieur und die Bevölkerung (das Volk gibt es nicht) als Verfügungsmasse für epochale Gesellschaftsexperimente, deren Großartigkeit nur sehr wenige neben ihm selbst zu begreifen vermögen. Ab und zu, meistens nach Wahlen oder Umfragen, deren Ergebnisse nahelegen, dass der Plebs nur unwillig zu folgen bereit ist, lässt sich dieser Typus des Politikers dazu herbei, „die Menschen abzuholen“, um sie dann „mitzunehmen“ in jenes Wunderland, darin alle gleich sind, die Unterschiede zwischen Ethnien und Kulturen sich in einem einzigen multikulturellen Taumel auflösen und Figuren wie Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker als Inbegriff weiser Staatskunst nicht verachtet sondern angebetet werden. Meistens aber gibt sich der durchschnittliche rotgrüne Avantgardist als unermüdlicher Arbeiter im Weinberg der Weltverbesserung zu so etwas nicht her und erklärt dem zur Gefolgschaft degenerierten Souverän bei jeder Gelegenheit die Komplexität und Kompliziertheit der politischen Abläufe auf allen Ebenen, wovon viele sich auch nachhaltig beeindrucken lassen, um dann jedweder Versuchung einer Einmischung in ihre ureigensten Angelegenheiten erfolgreich zu widerstehen.

2. Angst vor dem Volk

Gleichwohl erfüllt den linken und somit a priori latent totalitären Politiker nebst genannter Verachtung für, auch eine nicht unerhebliche Furcht vor den Massen. Ein Blick in die Geschichte genügt, um sich bewusst zu machen, wozu der Pöbel (oder das Pack) durchaus fähig ist. Allerdings wissen die Eliten auch, dass Revolutionen in aller Regel eben nicht entstehen, weil die Menge als unerwartet erwachte Schwarmintelligenz irgendwelche hehren ideologischen Visionen in die Tat umsetzen will, sondern weil das bisherige System zusehends nicht mehr in der Lage war, elementare Lebensbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Solches wiederum schließt natürlich nicht aus, dass sich ein paar exilierte Salonbolschewisten aus ihren Debattierklubs und Kaffeestuben heraus auf den Weg machen, die Gunst der weltgeschichtlichen Stunde nutzen und unter Missbrauch des im Grunde eher simplen Anliegens der Bürger mal eben eine neue Gesellschaftsordnung installieren. Beruhigen kann die jeweiligen Machthaber indes, dass sich das Volk der ihm innewohnenden Kraft nur sehr selten bewusst wird.

Damit das so bleibt, wird es in Träger möglichst vieler Partikularinteressen aufgespalten und/oder vermittels des Prinzips Panem et circenses (Brot und Spiele) derart sediert, dass es sich zu, den eigenen Willen durchsetzende, Aktivitäten kaum noch aufzuraffen vermag. Damit einher geht eine unablässige Propagandaberieselung durch gleichgeschaltete Medien, deren Ziel es ist, einerseits eine Geschlossenheit von Volk und Führung vorzugaukeln, sowie andererseits allfällige Dissidenten durch genau diese Illusion zu entmutigen und zu demotivieren. Desweiteren sucht man von den wirklich Verantwortlichen für nicht wegzulügende Fehlentwicklungen durch die Schaffung von griffigen, nichtsdestoweniger aber diffusen, Feindbildern fortzulenken und kriminalisiert alles Abweichende, um den sich stets rechtschaffen dünkenden Bürger von einem Schulterschluss mit dem als unanständig gebrandmarkten Renegatentum abzuhalten. Wenn wir in all dem nun die gegenwärtigen Verhältnisse wiedererkennen und uns nicht zuerst an DDR oder Sowjetunion erinnert fühlen, beweist das nur, wie real die Behauptung von einer postdemokratischen Gesellschaft ist, in welcher zu leben für eine wachsende Zahl von Analysten in Deutschland zur Tatsache geworden ist.

Uns muss diese Zustandsbeschreibung keineswegs entmutigen, denn derlei Erscheinungen sind nicht neu, prägten stattdessen durch alle Epochen der Geschichte das Zusammenspiel politischer und geistiger Eliten mit den Volksmassen, welche erstere anwidern, ohne dass sie auf selbige verzichten könnten, wofür es mannigfaltige Gründe gibt. Jemand muss schließlich a) das Geld verdienen, mit dem die grandiosen Visionen der jeweiligen Steuerleute umgesetzt werden und sich b) als Versuchskaninchen für all die vielen -ismen hergeben, die den Himmel ins hier und jetzt holen sollen aber dafür erfahrungsgemäß lediglich die Hölle auf unsere Erde bringen.

Ermutigen sollte uns auch, dass die Angst der herrschenden Politnomenklatura vor dem Volk inzwischen nicht mehr zu übersehen ist. Im Gegenteil! Man kann sie riechen und schmecken, sobald man eine Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anstellt, um die „Tagesschau“ oder das „Heute Journal“ zu gucken. Gradmesser für diese Angst ist das Maß der Hysterie und der Primitivität, welche die Propaganda kennzeichnet, mit der die Bürger tagtäglich zugunsten der politischen Verhältnisse agitiert werden. Am meisten aber fürchtet das System jene, die es, insofern sie 40 Jahre oder älter sind, schon einmal erlebt haben, mit welcher unbeschreiblichen Macht ein sich weitgehend einiges Volk der herrschenden Elite auf dem Weg in den Untergang die Gefolgschaft versagen und sie buchstäblich zum Teufel jagen kann: die Ostdeutschen. Sie wissen wie es sich anfühlt, wenn man die Angst überwindet, erst ganz leise und zaghaft, dann aber immer lauter und energischer Widerstand leistet, um im Ergebnis einen scheinbar übermächtigen Staat zu Fall zu bringen. Während man in der alten Bundesrepublik für die Verhältnisse, in denen die Menschen dort lebten, nie etwas tun musste, haben sich die Bewohner der DDR aus eigener Kraft von den Fesseln der Diktatur befreit.

Die Ostdeutschen spüren mittlerweile aber auch, wie es ist, wenn man betrogen wird, denn was sie als Lohn für ihre Kühnheit bekamen, waren zwar Reisefreiheit und die Freiheit, einen beispiellosen Konsum leben zu können, jedoch keineswegs eine Freiheit des Geistes, des Denkens und des Wortes. Folglich begreifen immer mehr der als „Ossis“ Geschmähten, dass die Revolution von 1989 unfertig blieb und nun ihrer endgültigen Vollendung harrt, die nicht weniger sein kann, als eine gesamtdeutsche Wende, eine vollständige Re-Demokratisierung unserer Nation als Ganzes.

Es ist daher nur folgerichtig, dass sich die Ostdeutschen derzeit demütigen und beschimpfen lassen müssen, als gehörten sie einer minderwertigen Rasse an, die zu kaum mehr in der Lage ist, als in ihrer angeborenen Beschränktheit unablässig Kohorten dumpfgeistiger Rechtsextremisten hervorzubringen. Es ist nur folgerichtig, weil der Ostdeutsche letztverbliebener kollektiver Träger einer patriotischen Gesinnung ist, musste er sich die Zugehörigkeit zur einigen deutschen Nation doch mühsam erstreiten, nach 40 Jahren eingepfercht hinter Mauer und Stacheldraht, wo sich gleichwohl ein Biotop entwickelte, in dem die deutsche Kultur sehr viel mehr in Ehren gehalten wurde und noch wird als in der, auf pathologischen Selbsthass und kollektiven Suizid gedrillten, Plutokratie des Westens. Diese letzte Glut nicht nationalistisch enger, sondern aus Dankbarkeit großherzig weiter Vaterlandsliebe für alle Zeiten auszutreten, ist der Grund für alles das, was Politik und Medien einen Anlass bietet, mit der nie ermüdenden Nazikeule über den „Ossi“ herzufallen. Nichts fürchtet dieser Staat mehr, als dass der Funke überspringt und auch in den anderen Bundesländern die Sehnsucht nach wirklicher Freiheit und tatsächlicher Demokratie entzündet. Die Zeit dafür ist endlich herangekommen. Das Alte und Morsche hat ausgedient, ein wirklich geeintes deutsches Volk wird das Ergebnis sein.

Holger Arppe (Rostock)

Ein Gedanke zu „Verachtung und Angst – Feindbild Ossi“

  1. Holger Arppe sieht alles sehr scharf, klug und aufmerksam. Das ist tatsächlich die Situation, in der wir leben. Vielleicht einige Fremdbegriffe weniger, die Deutsche Sprache leistet mehr als Plutokratie…usw.. Lese grade Hölderlin, auch so ein Zerbrochener zuletzt Verwirrter weil er die Verlogenheit eines Systems nicht mehr ertragen konnte und wollte.

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